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Waldorf-Musik-Leben


Von der Musik an der Freien Waldorfschule Heidelberg, wie sie in der Unter- und Mittelstufe zur Zeit lebt!

Orchester-ArbeitVorwort von Wolfgang Wünsch aus seinem Buch „Menschenbildung durch Musik“ zum Musikunterricht an der Waldorfschule*:

“Es ist besonders in diesem Jahrhundert von vielen bedeutenden Musikern und Musikpädagogen immer wieder aufmerksam gemacht worden auf die zentrale Rolle, die die Musik im Erziehungswesen spielt. Da ist zuallererst Zoltan Kodaly zu nennen, der im Jahre 1951 in Ungarn Schulen mit erweitertem Musikunterricht (täglich eine Unterrichtsstunde Musik) ins Leben rief. Neben seiner Tätigkeit als Volksliedforscher und Komponist hat Kodaly eine neue Musikpädagogik entwickelt, die vor allem auf dem Gesang aufbaut und eine gut fundierte musikalische Bildung für alle Kinder ermöglicht. Worum es Kodaly eigentlich geht, drückt er in einem Gespräch** mit folgenden Worten aus:
„ Diese hundert Schulen sind keine Musikschulen, sondern Menschenschulen. Der Mensch ist ohne Musik nicht vollständig, sondern nur ein Fragment.“

Seit ca. 2 ½ Jahren tritt an unserer Schule in der Unter- und Mittelstufe ein musikalisches Element basierend aus der Musikpädagogik Zoltan Kodalys immer mehr in Erscheinung.
Es würde den Rahmen hier sprengen, einzelne Elemente ausführlicher darzustellen. Wesentlich erscheint mir aber manches, was einerseits die Nähe dieser Pädagogik zur Waldorfpädagogik, zumindest aber ihren tief allgemein-musikalischen Ansatz deutlich machen kann, der seine Gültigkeit sicherlich über die Grenzen verschiedener Schul- und Gesellschaftsformen hinweg hat.
R.Steiner setzt an den Beginn seiner konkreten Ausführungen über den Musikunterricht u.a. die folgenden Worte***:

„Ein richtiges Verhalten zum Gesanglernen, zur Ausbildung des musikalischen Gehörs setzt voraus, dass man vor allen Dingen die Kinder gewöhnt, richtig zu hören und dann in ihnen den Nachahmungstrieb erweckt, der sich diesem richtigen Hören anpasst. Es gibt auch da als die beste Methode nur dieses, dass der Lehrende mit einer gewissen Liebe vorsingen kann, eingehen kann auf das, was verfehlt wird, und der Schüler sein natürliches Bedürfnis entwickelt, nachzubilden, was er vom Lehrer hört und korrigiert zu bekommen, was er verfehlt. Aber im Singen selber muss sich das Kind dasjenige aneignen, was sich instinktiv als das „Einstellen“ der Organe ergibt.....“

Orchester-ArbeitZ.Kodaly beginnt im Jahre 1929 mit dem Artikel „Kinderchöre“ die Suche nach einem syste-matischen musikpädagogischen Weg, um den schulischen Gesangsunterricht besser, gehaltvoller, wertvoller zu gestalten. In diesem Artikel legt er zum ersten Mal – etwas pointiert – dar, dass die Frage wichtiger sei, wer in einem Dorf den Gesangsunterricht erteile, als wer der Operndirektor in der Hauptstadt sei. Letzterer könne abgesetzt werden, wenn er schlecht sei, aber ein schlechter Gesangs-lehrer könne mehrere Generationen um den wahren Genuss der Musik bringen.
Kodaly entwickelt einen Aufbau des Gesangsunterrichts, der heute unter dem Namen „Chorschule“ zusammengefasst ist und in verschiedenen aufeinander aufbauenden Heften erhältlich ist. Jedem dieser Hefte ist ein kurzes Vorwort von Kodaly vorangestellt, in denen z.T. Perlen zu finden sind, die das eigene Leben in der Musik und dadurch auch das Arbeiten mit den Kindern sehr bereichern können. Ein Auszug aus dem Vorwort zum 3. Band der Chorschule mit dem Titel „Lasst uns richtig singen“ kann sicher die Nähe zum oben ausgeführten Steiner`schen Ansatz verdeutlichen, wird aber dem Leser auch die Aufgabe vor Augen halten, manch Gewohntes aus dem Anfangs-Musikunterricht an der Waldorfschule zu überdenken und evtl. umzuformen:

"Die meisten Gesangslehrer und Chormeister kontrollieren die Intonation der Sänger am Klavier. Aber der Gesang hängt von den akustisch richtigen, „natürlichen“ Intervallen ab und nicht vom temperierten System. (Anm.: mit „natürlichen“ Intervallen sind die in jedem Ton mitschwingenden Intervalle der „Obertonreihe“ gemeint) (......) Die ersten Schritte des Anfängers sollten nicht von einem Instrument mit temperierter Stimmung und verschiedener Farbe gestützt werden, sondern von einer anderen Stimme. Die Vorteile zweistimmigen Singens können kaum überschätzt werden, aber eben das zweistimmige Singen wird oft hinausgeschoben bis es zu spät ist. Es fördert die Entwicklung des Gehörs in jeder Weise. Wer immer nur Unisono singt, wird nie richtig intonieren können. Es klingt wie ein Widerspruch, aber nur im zweistimmigen Singen lernt man, auch einstimmig richtig zu singen: die Stimmen stellen sich aufeinander ein und finden von selbst ihr Gleichgewicht. (.......) Der Lehrer muss darauf sehen, dass das Ohr entsprechend geübt wird.“

Orchester-ArbeitKodaly gestaltet mit seinem Impuls keine gänzlich neue Musikpädagogik. Er greift positive Ergeb-nisse der englischen Musikpädagogik auf und letztlich gehen die Elemente der Solmisation bis zurück auf Guido von Arezzo, einem wesentlichen Mit-Begründer der Notenschrift. Wohl aber verbindet Kodaly seine Pädagogik ganz mit den Gegebenheiten des ungarischen Volkes. Dadurch ist alles so lebendig, Kodaly selbst sprach nie von einer starren „Methode“. Entsprechend besteht für jeden, der sich damit beschäftigt und der vor allem auch versucht, die Elemente in die Praxis einfließen zu lassen, die Aufgabe, die Anregungen lebendig und mit dem Sinn für musikalisch Wesentliches aufzugreifen und an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.

In diesem Sinne bin ich unglaublich froh, dies hier in Heidelberg an unserer Schule tun zu können. Viel Schönes ist in den Stunden schon entstanden, das Hören und die Stimmen der Kinder verändern sich sehr positiv. Vieles wird sich im Laufe der Jahre oder sozusagen von Tag zu Tag weiter entwickeln lassen.

Ernst Mall

* W.Wünsch, „Menschenbildung durch Musik – Der Musikunterricht an der Waldorfschule“
Verlag Freies Geistesleben,1995
**Z.Kodaly, „Mein Weg zur Musik” Fünf Gespräche mit Lutz Besch
Verlag zur Arche, Zürich 1966
***R.Steiner, „Basler Lehrerkurs vom April und Mai 1920“

Mehr Musikunterricht!


Kinder brauchen mehr Musik

Stuttgart, 25.01.2010

Die Forderung der Grünen im Landtag, Musikunterricht für so­zial benach­teiligte Kinder zu fördern und zu unterstützen will der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg sogar noch erweitert wissen. Nach den einschlägigen Ergebnissen der Gehirnforschung und der Krimi­nologie bei den Forschungen der letzten Jahre, wirkt sich aktiver Umgang mit Musik - nicht der Musikkonsum - positiv auf die Entwicklung des Ge­hirns aus und senkt die Zahl krimineller Delikte.

In diese Richtung äußerte sich am Sonntag VBE-Vorstandsmitglied Josef Klein und verwies auf die Erkenntnisse des Gehirnforschers Manfred Spitzer (Univer­sitätsklinikum Ulm) und des Kriminologen Christian Pfeiffer (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen), die die Forschungsergebnisse jeweils geson­dert bereits an den Südbadischen Lehrertagen des VBE vorgetragen hatten. "Es ist erschreckend, mit welcher Ignoranz sich die Bildungspolitiker über diese Erkenntnisse hinwegsetzen und in Grund- und Hauptschulen die Existenz des Faches Musik lediglich schönreden", moniert der VBE-Mann aus Südbaden. Sowohl im Fächerverbund "MeNuK" - Mensch, Natur und Kultur - als auch in "MSG" - Musik/Sport/Gestalten spiele Musik nur dann eine wichtige Rolle, wenn ausgebildete Musiklehrer in ausreichendem Maße vorhanden seien. Durch die Fächerverbünde werden aber solche Mängel geschickt verschleiert, ist man sich beim VBE sicher.

Die Forderung der Grünen, dass ein Drei-Millionen-Etat geschaffen wer­den müsse, um die musikalische Bildung der Kinder aus benachteiligten Fami­lien zu fördern, hält der VBE für richtig und notwendig, allerdings auch nur als einen ersten Schritt. Musikalische Bildung müsse allen Kindern ermöglicht wer­den. Leider ist es auch Fakt, dass verstärkter Nachmittagsunterricht etwa durch das achtjährige Gymnasium und die verpflichtende Nachmittagsbetreuung durch gebundene Ganztagesschulen dem Vereinsleben und den Musikschulaktivitäten in Baden-Württemberg zumindest nicht förderlich sind.

Pressemeldung
Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg